Kurzgeschichten

Der richtige Weg

Ich machte einen Spaziergang durch den Wald. Je tiefer ich hinein ging, um so ferner schienen mir meine Sorgen, mein Kummer und meine Ängste. Ein eisiger Wind bließ mir ins Gesicht, so drückte ich meinen langen Umhang fester an mich. Die Kapuze fiel immer wieder zurück in den Nacken. Ich nahm sie mit einer Hand und zog sie tief ins Gesicht. Ich konnte nur noch auf meine Füße sehen, wie sie sich durch den schwarzen Stoff nach vorne schoben, um mich einen Schritt weiter zu tragen. Irgendwann wurde die Erde mir fremd, doch ich sah nicht auf.

Erst nach langer Zeit kam ich, an einer Gablung des Weges, an. Der rechte Weg führte steil nach Oben, während der linke sich nach unten schlängelte und in der Dunkelheit verlief. Als ich diese Wege sah, wurde mir bewußt, daß außer meinen Schritten, kein Geräusch zu hören war. Nicht ein Vogel oder eine Maus, ja nicht einmal mein Atem war zu hören. Verwirrt blickte ich den Weg zurück, doch mir war klar, daß es für mich kein Zurück mehr geben würde.

Der Weg nach Oben, das war der Himmel, doch was würde mich dort erwarten? Ich hätte kein Leben, nur Existieren würde ich. Genau das war es, was mich im Leben so quälte. Es gab keinen Sinn darin. Wie sollte ich das bis ans Ende der Zeit ertragen?
Der Weg nach unten führte in die Hölle. Könnten mich die Qualen dort von meinen eigenen ablenken? Dann ginge es mir beßer als im Himmel, daß war aber ein unerlaubter Widerspruch.

Ich blieb lange stehen und sah hoch in den dunklen Sternenhimmel. Der Wind brachte die Baumkronen zum Tanzen. Der Tanz war traurig und stumm. Plötzlich hörte ich etwas in der Ferne. Ein Wesen kam den Weg entlang, den auch ich einst gegangen war. Ich hoffte es könnte mir helfen den richtigen Weg zu finden. Langsam wurden die Konturen deutlicher und ich erkannte einen älteren Mann. Er sah nicht auf. Ich wollte den Mund öffnen, doch er ging, ohne mich zu beachten, an mir vorbei. Als gäbe es nichts anderes, ging er den rechten Weg hinauf. Bald war er hinter den Bäumen verschwunden. Enttäuscht sah ich wieder den Weg zurück und wartete auf den Nächsten.

Nach einer Weile kam ein zweiter Mann auf mich zu. Auch er blickte nicht vom Boden auf. Sein Gesicht lag im Schatten. Ohne zu zögern ging er den linken Weg hinab. Verwundert sah ich wie er in der Dunkelheit verschwand. Jetzt wußte ich, daß niemand eine Wahl zu haben schien. Sie alle gingen, den für sie vorbestimmten, richtigen Weg. Wo nur war mein richtiger Weg?

Es kamen immer mehr Menschen an mir vorbei, alle wußten wo sie hin gehen sollten. Ich beneidete sie dafür. Irgendwann wußte ich schon vor ihnen, welchen Weg sie einschlagen würden. Meinen eigenen kannte ich noch immer nicht. Dann sah ich eine junge Frau, auf dem Weg. Sie zögerte und sah, nach jedem Schritt, zurück. Erst dachte ich, daß sie auf jemanden warten würde, doch dann erkannte ich, daß sie etwas wichtiges verloren hatte. Neugierig sah ich mich um, ob ich es finden würde. Nach wenigen Augenblicken erkannte ich im Wald, weit außerhalb der Wege, eine Gestalt. Sie hatte sich verirrt. Ohne es bewußt zu merken, eilte ich auf sie zu. Der Boden war voller Ranken und ich stolperte unentwegt. Mit meiner rechten Hand fuhr ich einen weiten Bogen. In ihr war noch das Werkzeug, welches ich im Moment meines Todes gehalten haben mußte. Ich hatte es völlig vergeßen. Mit deßen Hilfe konnte ich die verirrte Gestalt erreichen und ihr helfen den richtigen Weg zu finden.

Ich bin nie wieder zur Gablung zurück gekehrt. Mit meiner Sense streife ich noch heute durch den Wald und bringe die verlorenen Seelen zurück auf den richtigen Wegen. Und wenn ich im Leben keinen Sinn gehabt habe, so habe ich ihn im Tod gefunden. Das ist mein Weg.