Kurzgeschichten

Der Anfang

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„Hier ist es!“, sagte sie und hüpfte aufgeregt auf der Stelle.
Erst war Laila verwirrt, aber dann merkte sie, daß etwas anders war. Sie sah vor sich die Bäume, das Gras und die Steine aber es fühlte sich so an als sei da noch mehr, noch viel mehr. Neugierig streckte sie den Arm aus. Die Luft vor ihr fing zu Vibrieren an und verzog das Bild, als würden sie auf eine Waßeroberfläche sehen.
„Geh mal hindurch“, forderte Maja sie auf. Zuerst zögernd, dann aber voller Neugier, machte Laila einen Schritt nach vorne. Es fühlte sich so, an als ob sie durch einen dünnen Waßerfall ging. Alles um sie herum wurde schwarz, dann verlor sie den Halt und fiel nach hinten. Wie ein Blitz tauchte ihre Umgebung wieder auf, in der sie sicher mit beiden Beinen auf dem Boden stand. Jetzt aber war sie nicht von einem Wald umgeben, sondern stand auf einer rötlichen Klippe, unter ihr das rauschen des blauen Meeres und einem sternenklarern Nachthimmel über ihr. Neben ihr stand Maja, die ihre Arme und Flügel ausbreitete und den Wind ins Gesicht blasen ließ.
„Ist es nicht schön?“, fragte sie glücklich.
„Wie hast du das gemacht?“, wollte Laila mit leiser Stimme wißen. Es war kaum vorstellbar das ein einziger Funke eine ganz neue Welt erschaffen könnte.
„Luzifer hat mir dabei geholfen. Wir benutzen diese Kristalle.“ Maja drehte sich um und zeigte auf einen funkelnden Fleck, hoch oben im Stein. Dann stieß sie sich vom Boden ab und flog zu dem Funkeln empor. Laila sah ihr nach, breitete dann ihre eigenen Flügel aus und folgte ihrer Freundin in die Lüfte. Hier zu fliegen war ein ganz anderes Gefühl. Es war schwieriger, da sie gegen den Wind kämpfen mußte, aber genau das war berauschend. Auch mußte sie sich keine Gedanken machen von anderen Funken bewertet zu werden. Alles was sie hier sah war anders. Seit sehr langer Zeit hatte sie kein solches Glück mehr empfunden.
Sie schwebten nun genau vor dem rötlichen Kristall. Er war tief im Stein eingelaßen und seine rote Farbe breitete sich wie ein Wurzelgeflächt auf der Steinoberfläche aus.
„Das ist unser gemeinsames Versteck“, erklärte Maja.

Corinnas Einfluß wurde immer größer. Sie hatte um sich vier weitere Funken gesammelt und zusammen waren sie bald für alle Veranstaltungen verantwortlich. Gemeinsam bauten sie im Zentrum des Reiches ein großes Gebäude, mit Fensterbögen die hoch und weit genug waren, damit alle Funken den inneren Raum fliegend betreten konnten.
Der Boden war mit edlen weißen Steinplatten belegt und goldene Kerzenständer waren in regelmäßigen Abständen an der Wand aufgereiht. Die Decke zierte ein aufwendiges Mosaik und war mit goldenen und silbernen Bändern behangen. Sie zeigten einen Funken mit wallendem Kleid und weit ausgebreiteten, weißen Flügeln. In einer der Ecken war eine Bühne und dahinter standen fünf, mit rotem Samt überzogene Stühle, welche durch eine filigrane, halbhohe Trennwand von dem Rest der Halle abgegrenzt wurden. Da es die Regel gab, daß nur Eingeladene ein Haus betreten dürften, hatte Laila nie an solch einer Feier teilgenommen. Maja versprach Laila mit Corinna zu reden, doch Laila winkte dankend ab.
„Ich habe kein Intereße, Corinna dabei zuzusehen, wie sie sich vor allen anderen wichtig macht. Sie war damals nur ein kleiner Funken und das wird sie auch immer bleiben“, erklärte Laila ihren Unmut und machte sich auf dem Weg zurück zu ihrem eigenen Haus. Traurig sah Maja wie ihre Freundin die Tür hinter sich zu zog. Nun war auch Luzifer aufgetaucht.
„Wir kommen zu spät Maja“, sagte er mit tonloser Stimme.
„Ja, ich komme.“
Doch Maja konnte sich nicht auf die Feier freuen. Der Gedanke, daß Laila, ihre Freundin, von Corinna zur Außenseiterin gemacht wurde, machte ihr sehr zu schaffen. Unglaublich was dieser kleine Funken geschafft hatte.