Kurzgeschichten

Das alte Tagebuch

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Bild der Geschichte

Die Halbelbin

Es war eine sternenklare Nacht als ich am Lagerfeuer auf jemanden gewartet hatte. Vollig in Gedanken vertieft sah ich den tanzenden Flammen zu und dem immer schwärzer werdendem Holz. In meinen Händen hatte ich einen Mörser mit dem ich wie in tronce Athelas-Blätter zerkleinerte. Es war angenehm warm, obwohl die Nächte immer kälter werden.
In der Ferne war das galoppieren von Pferdehufen zu hören. Ich vermutete das es der Kundige war mit dem ich heute Nacht in den verlorenem Wald aufbrechen wollte. Es war nur ein schemenhafter Umriß von jemanden zu erkennen der von seinem Pferd herab stieg und es an einem Baum fest band. Als dieser Schatten auf mich zu ging wußte ich das wir bald zusammen aufbrechen würden.
“Du hast etwas verloren.„ sagte die Stimme aus dem Schatten. Als er näher ans Feuer kam erkannte ich in seinen Händen etwas das in mir eine noch größere Hitze entflammte als es ein Feuer jemals hätte tun können. Mein Herz klopfte so schnell und schmerzhaft, daß ich dachte es müßte aus meiner Brust springen. Wie konnte es sein das mein altes Tagebuch wieder ans Licht gefunden hatte?
Mit zittrigen Händen nahm ich das Buch entgegen. Ich wollte irgendetwas sagen aber meine Stimme versagte völlig. Ich konnte nur noch auf das rote Leder starren, was mir Jahrelang so wichtig war und mich jetzt so hinterhältig verriet.
“Es stimmt also, es ist dein Tagebuch.„ sagte der Kundige und setzte sich auf den Baumstamm mir gegenüber. Das Feuer war zwischen uns und verzerrte sein Gesicht so stark das ich seine Mimik nicht erkennen konnte. Was würde nun geschehen? Er hatte meine tiefsten Gedanken und meine dunkelsten Geheimniße gelesen. Ich an seiner Stelle würde mir nicht mehr trauen und schon gar nicht mit mir in den verlorenen Wald gehen.
“Was ist damals geschehen? In dem Dorf meine ich mit deiner Familie.„ Aus seiner Stimme konnte ich eine enorme Neugierde heraus hören. In den letzten Jahren hatte ich versucht zu vergeßen was damals geschah. Die grauenvollen Bilder von Luka wie er am Boden lag, über und über mit Blut verdeckt... Ich dachte ich müßte auseinander reißen wenn ich nicht sofort etwas täte. Niemals hätte ich gedacht das ich jemanden erzählen würde was ich in dieser Nacht sah und getan habe.

"Ich war wieder im Dorf um Vorräte zu besorgen. Luka wollte mit der Kleinen in den Wald, Pilze sammeln. Sie liebte den Wald. Als ich wieder bei der Mühle war, waren die Beiden noch nicht aus dem Wald zurück gekehrt. Ich dachte sie hätten nur die Zeit vergeßen. In dem Wald konnte man kaum den Himmel sehen, vor lauter Bäume. Als aber die Sonne den Horizont erreichte machte ich mir Sorgen. Erst als die Sonne unter gegangen war nahm ich eine Laterne und ging sie Suchen.

... Ich fand Luka, er lag am Boden, daß Blut war schon getrocknet. Schreckliche Wunden und Schnitte waren auf seinem ganzen Körper verteilt. Seine Augen waren wo Schreck weit geöffnet und sein Gesicht schmerzverzerrt. Ich glaubte bei seinem Anblick wahnsinnig zu werden. Neben ihm lag die Haarschleife meiner kleinen Tochter. Ich konnte die Vorstellung nicht ertragen das die wilden Tiere, welche meinen Luka zerrißen hatten, sie weg geschleppt und sie ...„

In dem Moment brachte ich keinen Ton mehr raus. Diese Bilder und die Vorstellung was sie schreckliches in ihren letzten Minuten erlebt hatten, welche Angst, welche Schmerzen, es war so als wäre ich dabei gewesen und ich wollte bei ihnen sein.
Der Kundige nickte und sprach mir sein Mitleid zu. Ich wünschte er hätte es nicht getan. Ich sagte ihm nicht die ganze Wahrheit, denn was ich ihm verschwieg ist fast noch schlimmer gewesen.

Hätte ich nur bis zum nächsten Morgen gewartet, dann hätte ich meine Tochter wieder gesehen. Viele Jahre später erfuhr ich das sie überlebt hatte. Luka warf sich vor die Wölfe die meine Kleine angreifen wollten. Er konnte ihr noch befehlen weg zu laufen, als sie sich weigerte und bei ihm bleiben wollte stieß er sie einen Abhang hinunter. Dabei riß er ihr versehentlich das Haarband vom Kopf. Die Wölfe waren so sehr mit ihm beschäftigt das meine Tochter fliehen konnte. Völlig verstört fand man sie im Morgengrauen.
Da man meine Laterne im Wald neben ihm fand, nahmen alle an das ich auf der Suche nach ihm ebenfalls den Wölfen zum Opfer fiel. Ich konnte nicht mehr zurück, ich fühlte mich so schuldig sie allein gelaßen zu haben.

“Was hat sich geändert?„
Der Kundige riß mich aus meinen Gedanken.
“Wie meinst du das?„ fragte ich erstaunt.
“Ich sehe wie du kämpfst. Es ist dir nicht mehr egal ob du stirbst. Etwas ist doch geschehen das du deinen Lebenswillen wieder zurück bekommen hast.„
überrascht von dieser Beobachtungsgabe mußte ich leise lächeln. “Es ist nicht mehr Mittelerde die ich Beschützen will.„
Neben mir lag noch der Mörser mit den halb fertigen Athela-Blättern. Morgen werde ich die fertigen Tränke Carlita überreichen. Nun bemerkte ich auch wieder das Buch, daß in meinen Händen lag. Mit einer etwas übertriebenen Handbewegung warf ich es ins Feuer. Die Vergangenheit ist vergangen und sollte es auch bleiben. Zufrieden beobachtete ich wie die einzelnen Seiten vom Feuer verzehrt wurden.