Kurzgeschichten

Das alte Tagebuch

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Bild der Geschichte

Die Bibliothekarin

Das schwingen der Türe und der einfallende neue Lichtstrahl reist dich aus den tiefen deines Buches. Als du noch leicht verwirrt hoch schaust, siehst du den Boten welchen du vor einigen Tagen nach Bree geschickt hattest. Mit einer schnellen Handbewegung verstaust du dein eigenes Buch wieder im Regal. Der Bote verneigt sich knapp und geht auf dich zu. In seinen Händen hält er einen Beutel in dem das alte Tagebuch liegen müßte. Du nimmst es an und bedankst dich für die schnelle Lieferung. Der Bote nickt und verläßt wieder den Raum.
Nun schaust du dir das Tagebuch genauer an. In der Bibliothek gibt es einige Bücher die ebenfalls dieses Alter erreicht haben, aber keines hat wohl so viel mit gemacht wie dieses. Es wird nicht leicht werden die verlorenen Geheimniße wieder zu finden. Während du über die einzelnen Möglichkeiten nach denkst betrittst du einen kleineren runden Raum mit Wand hohen Regalen die voller Schriftrollen, Bücher, Truhen und filigranen Werkzeugen gefüllt sind. In der Mitte steht ein alter maßiver Schreibtisch der von einem hohen Kerzenleuchter bestrahlt wird. Auf ihm befinden sich unter anderem eine Lupe und einige Pergamente, so wie eine sehr große buschige Feder im Tintenglas.
Du setzt dich auf dem bequemen Stuhl davor und schlägst das Tagebuch auf. Um dir einen ersten Eindruck des Inhaltes zu machen liest du das erste was dir ins Auge fällt.

“Dies wird meine letzte Nacht hier sein. Ich ertrage das Schweigen von Markus nicht mehr. Seid ich ihm von meiner Herkunft erzählt habe schaut er mich nicht mehr an und redet nicht mehr. Ich weiß manchmal nicht ob er überhaupt bemerkt wenn ich in seiner Nähe bin. Will ich ihn berühren weicht er aus. Wie kann es sein das all seine Liebe zu mir mit einem mal verloschen ist? Hat er vergeßen wie glücklich wir waren? Vermißt er es nicht auch? Habe ich mich so sehr in ihm getäuscht? Ich weiß nicht ob ich jemals wieder einem Menschen vertrauen kann.„

Du erwischst dich dabei wie du leise grinsen mußt. Egal in welchem Zeitalter, Liebeskummer gibt und gab es immer und überall. Aus einer Schublade ziehst du ein kleines Glasflächen hervor mit einer goldenen Flüßigkeit. Neben dir ist ein kleines Gefäß das auf einem metallenen Gestell angebracht ist. Mit Waßer und wenigen Tropfen der goldenen Flüßigkeit füllst du das Gefäß auf. Dann entzündest du ein kleines Feuer unter dem Gefäß. Als das Waßer zu Kochen beginnt steigt der Dampf in einen Trichter auf und wird in einer Röhre zu einem Köpfchen geleitet mit einer sehr kleinen öffnung. Du hältst den Schlauch wie eine Feder und läßt den außtrömenden Dampf über die Seiten streichen, auf denen die Schrift zu blaß ist um sie zu lesen. Langsam fängst die Schrift an dunkler zu werden. Nach einigen Minuten hast du die erste Seite so weit behandelt das sie mit der Lupe zu entziffern ist. Mit einem Stück Pergament und der großen Feder bewaffnet fängst du an den Text zu übertragen.

“Nun sind so viele Jahre vergangen, als ich mich beschloßen hatte in den Wäldern zu leben. Nur selten gehe ich in die Städte oder Dörfer der Menschen. Ich habe einige Waldläufer kennen gelernt die mir intereßante Dinge bei gebracht haben. Mit vielen Kräutern und Pflanzen kann ich Farbe erstellen, welche sich gut verkaufen laßen, oder auch verschiedene Tränke mit wundersamen Wirkungen. Auch war es sehr hilfreich zu erlernen wie man Obst und Gemüse anbaut. Aber ich vermiße es doch in einem Haus zu leben und unter Menschen zu sein mit denen man mal reden kann. Es ist schwer immer allein zu sein.„

Verwundert über den doch sehr sachlichen Eintrag, nach dem vorherigem, setzt du deine Arbeit fort. Bald merkst du das die losen Seiten nicht in der richtigen Reihenfolge hinein gelegt wurden. Es dauert einige Tage bis du genug entschlüßelt hast um sie chronologisch zu sortieren und weitere Tage um den Text zu kopieren.
Die Arbeit ist kompliziert, viele Techniken sind notwendig um so viel vom Tagebuch zu retten wie möglich. Leider ist es dir nicht gelungen alles zu übertragen. Da aber ein weiterer Auftrag auf dich wartet mußt du das Tagebuch erstmal zur Seite legen. Du beauftragst deinen Boten das Tagebuch an einen neuen Ort zu bringen wo es sicher in einer Truhe aufbewahrt werden soll.