Kurzgeschichten

Das alte Tagebuch

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Bild der Geschichte

Der Bote

Vor einigen Tagen war in der Bibliothek ein Brief, für die Herrin, angekommen. In Bree gab es wohl einen Buchbinder der ein seltenes und sehr altes Buch in die Finger bekommen hatte. Du bekamst die vertrauensvolle Aufgabe nach Bree zu reisen und das Buch zu holen.
Die Reise ist lang und führt durch viele Dörfer und Farmen. Du beobachtest zufrieden wie die Bewohner an dir hoch schauen und dich bewundern. Deine schwarze Robe flattert im Wind, dein weißes Roß strahlt vor Gesundheit und Kraft. Allein die Gesichter der anderen zu sehen versüßt dir die Aufgabe ungemein. Stolz hältst du vor den Toren in Bree an und verkündest den Wachen dein Vorhaben. Die Wächter lesen den Brief und heißen dich willkommen.
Das Angebot des Stallmeisters sich um dein Pferd zu kümmern lehnst du dankend ab. In einer etwas versteckten Seitenstraße ist der Eingang der Bücherei zu finden. Eigentlich hast du einen viel beeindruckenden Eingang erwartet oder sonst irgendwelche Schmuckelemente. Zweifelnd ob dieser Ort der richtige ist öffnest du die Tür.
Im Laden staunst du über den kleinen schäbigen Raum. Die Bücher wirken fast ungepflegt und in die Regale geworfen. Nur wenig Licht scheint auf die verstaubten Buchrücken, so das kaum zu erkennen ist um welche Bücher es sich handelt. Verständnislos schüttelst du den Kopf. Wie kann man solch wertvolle Gegenstände nur so schlecht behandeln? Kein Wunder das der Buchbinder mit einem alten Buch nicht fertig wird.
“Ah da seid ihr ja. Ich bin gerade fertig geworden. Mehr kann ich nicht tun, aber ich denke unsere gemeinsame Freundin weiß weiter zu helfen.„ Sagt jemand, versteckt im Schatten hinter der Theke. Nun erkennst du auch zwei Bücher im rotem Einband. Das eine ist neu während das andere so alt wie die Zeit selbst zu sein scheint. Es hat eine unglaublich starke und auch verletzte Außtrahlung. Zweifellos hat das Buch viel gelitten. Du nimmst es an dich, nickst dem Buchbinder zu und verläßt wieder den Laden. Das Licht des Tages blendet dich fast, obwohl die Sonne hinter Wolken verborgen ist.
Erst als du Bree verlaßen hast riskierst du einen genaueren Blick in das Buch. Wäre die Verarbeitung nicht so hervorragend, so wäre es längst zerfallen. Viele Seiten liegen nur noch lose im Buch geklemmt. Eines der Seiten willst du dir genauer ansehen. Der Text ist in der Sprache der Menschen geschrieben aber mit einem längst vergeßenem Dialekt.

“Es fällt mir immer schwerer ein neues Leben zu beginnen. So viele Namen habe ich schon angenommen und in so vielen Häusern habe ich gewohnt. Seit Jahrzehnten altere ich nicht. Jedes mal wenn es den Bewohnern auffällt das mit mir etwas nicht stimmt, muß ich wieder fort. Ich traue mich nicht Freundschaften zu schließen und falls doch so verschwinde ich vorher heimlich Nachts. Niemals will ich mit ansehen müßen wie jemand den ich liebe stirbt oder lernt mich zu haßen. Zwar sind die Kriege vorbei aber ich traue den Elben noch immer nicht. Allein der Gedanke das Elbenblut in meinen Adern fließt, läßt mich die schlimmsten Alpträume erleiden. Ich gebe ihnen Schuld an der Tatsache das ich nie normal leben kann, das ich nie glücklich werden kann.„

Verwundert schaust du auf. Wie kann jemand nur sein Erbe so verachten? Außerdem sollte ein Elb nicht bei Elben leben? Warum so tun als sei man ein Mensch? In der Hoffnung auf Aufklärung liest du dir die nächste lose liegende Seite durch.

“Er ist so unglaublich – in seiner Gegenwart fängt mein Herz vor Glück an zu springen. Ich will mit ihm zusammen sein, egal was die anderen von mir denken. Wenn er mich liebt, dann ist es ihm egal wer oder was ich bin. Wenn es einen Grund für meine Reisen gab, dann den ihn kennen zu lernen.

- Ich habe große Angst. Er ist nun schon so viel älter geworden und ich blieb unverändert. Die Bewohner haben schon verdacht geschöpft auch wenn sie es nicht laut sagen. Er fragt mich auch immer wieder, aber ich habe so Angst das er mich dann verachtet. Wahrscheinlich ist diese Angst unbegründet. Ich werde es ihm Morgen beim Frühlingsfest sagen, irgendwie.„

Es fällt dir schwer die Not der Elbin nach zu vollziehen. Behutsam packst du das Buch in eines der kunstvoll gefertigten Taschen und steigst auf dein Pferd. Die Sonne hat ihren Weg durch die Wolkendecke gebahnt und erhellt dir den Weg auf deiner Heimreise.
Als du vor den Toren der dir vertrauten Bibliothek stehst schaust du mit Freude auf die kunstvollen edlen Verzierungen. Zufrieden trittst du ein.