Kurzgeschichten

Das alte Tagebuch

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Bild der Geschichte

Der Buchbinder

Deine Augen sind noch schwer von der Nacht. Du hast kaum geschlafen. Langsam räumst du die Bücher in die Regale zurück, welche schuld an deinem Schlafmangel waren. Obwohl dein Laden in wenigen Augen blicken geöffnet hat, weißt du das die ersten Kunden noch lange auf sich warten laßen. Also noch genügend Zeit um die Listen der neuen Werke zu vervollständigen. Plötzlich klopft es an der Tür. Verwundert schaust du auf und bittest den Besucher hinein.
Er ist unter seinem triefend naßen Kapuzenumhang kaum zu erkennen. Das Wetter hatte sich die Nacht über kaum verbeßert. Der Besucher murmelt verärgert etwas vor sich hin, bis er dann zu dir heran tritt. Kleine Pfützen zieht er hinter sich her. In Gedanken beauftragst du deinen Gehilfen schon, mit einem Mob, den Boden wieder zu trocknen.
Der Besucher kramt ein dickes Stoffbündel hervor. Neugierig beobachtest du wie unter all den Lagen ein roter Ledereinband zum Vorschein kommt. Das Buch muß einmal sehr schön ausgesehen haben. Nun kann man vor lauter Dreck und Verschleiß kaum etwas erkennen. Mit gekonntem Griff öffnest du die Schublade unter dem Thekentisch und kramst ein paar weiße Stoffhandschuhe hervor. Blitzschnell hast du sie über gestreift und nimmst das Buch an dich.
“Glaubt ihr es ist noch etwas zu retten?„ fragt die Stimme unter der Kapuze.
Beim durch blättern fallen dir zwei Seiten in die Hand. Behutsam steckst du sie zurück und schließt wieder das Buch, dann nickst du vorsichtig. Sicher bist du dir nicht, aber du kennst jemanden der dir dabei helfen könnte.
Als der Besucher schließlich wieder gegangen war rufst du deinen Gehilfen herbei und verteilst die heutigen Aufgaben. Während dieser den Boden wischt, schreibst du an einem Brief, für eine alte Freundin. Nachdem dieser fertig auf dem Tisch liegt, wappnest du dich nochmal dem Buch zu. Der Besucher hatte ihm die Stelle gezeigt die ihn erstmal am meisten intereßiert. Sie war absolut unleserlich und es bedarf einen Experten diese Stellen wieder sichtbar zu machen. Aber die nächsten Seiten verraten schon mehr über ihren Inhalt.

“Ich glaube ich komme nicht damit zurecht das Mutter ... ich bringe es nicht einmal fertig es auf zu schreiben. Ich war die ganze Zeit an ihrem Bett und spielte die Laute. Es war ihr lieblings- Instrument, seit ich es für sie erlernt hatte, als sie das erste mal so schrecklich erkrankt war. Nun wo sie fort ist behandeln mich die Dorfbewohner wie eine unwillkommene Fremde. Die Menschen mit denen ich aufgewachsen war altern immer schneller, während ich jung geblieben bin. Der einzige der mir nun helfen kann ist mein Vater. Ich konnte meiner Mutter, kurz bevor sie krank geworden war den Namen entlocken. Schon damals wäre ich los gezogen um ihn zu suchen, aber ihretwillen bin ich geblieben. Jetzt hält mich hier nichts mehr.„

Die nächste Seite ist abgerißen. An der fransigen Kante erkennst du das es nicht lange her gewesen sein mußte. Sobald der Gehilfe den Brief fort gebracht hat, willst du ihn zu der, von dem Besucher beschriebenen Stelle, schicken. Mit viel Glück wäre noch etwas zu finden, auch wenn der Regen vermutlich alles zerstört haben würde.
Solange er noch braucht, kannst du weiter in den Seiten lesen. Zwar ist der Inhalt nicht besonders spannend für dich, aber so kannst du noch etwas an deinen alten Sprachkenntnißen üben.

“Irgendwie hat es mich doch sehr verwundert wie wütend ich über die Menschen in meinem Heimatdorf sein würde. Ich war nur Tage weg, und sie haben mein zu Hause ausgeräumt, als ob auch ich gestorben wäre. Als ich dann in den leeren Räumen stand fühlte ich mich eben so leer wie sie. Eine Stimme hinter mir rief verärgert das ich verschwinden sollte. Meine Hände waren zu Fäusten geballt und zitterten von der plötzlich aufkommenden Wut. Ich selber sprach mit ruhigem Ton. “Was habt ihr mit meinem Heim getan?„
Doch sie gingen auf meine Frage nicht ein, sondern sagten mir wieder klar und deutlich das ich hier nichts mehr zu suchen hatte. Plötzlich sagte eine etwas das für mich wie ein Meßerstich ins Herz war.
“Verschwinde endlich du Elbenkind!„ Noch nie hatte mir jemand so direkt den Grund für die Feindseligkeiten, welche mich seit Jahren quälten, gesagt. Ich verließ das Dorf, in dem Wißen nie wieder zurück kehren zu können. Ich hatte dort keine Freunde, ich glaube also nicht das ich jemanden, außer meiner Mutter, vermißen werde. Aber es tut dennoch so sehr weh. Ich spühre noch immer wie das Meßer in meiner Brust steckt und mir den Hals zu schnürt. Es läßt mich kaum Atmen u7nd verhindert jeden Gedanken. Ich habe Angst vor der Zukunft. Ich bin weder Elb noch Mesch. Wo soll ich denn nun hin, und was soll ich tun?„

In dem Moment öffnet sich wieder die Tür. Du legst das Buch zur Seite und bedienst deine Kunden. In den nächsten Tagen wirst du wohl das Buch neu schreiben müßen, da es zu beschädigt ist.