Kurzgeschichten

Durst

Sie spürte das sie auf dem Boden lag. Er war steinich und kalt. Eisiger Wind blies ihr ins Gesicht. So lag sie da, im Freien, ohne die geringste Ahnung warum sie da lag. Es mußte Nacht sein, denn kein Lichtstrahl drang durch ihre geschloßenen Augenlider.
Langsam fühlte sie mit ihren Händen den Boden ab. Schließlich stütze sie sich auf, sackte aber gleich wieder zu Boden. All ihre Kräfte waren verschwunden. Einzig ein leichtes kribbeln verspürte sie, das durch ihren gesamten Körper strömte. Sie versuchte ihre Kräfte zu sammeln und stütze sich nochmal ab. Erst jetzt öffnete sie leicht verwundert die Augen.
Sie war in einer dunklen Gaße. Links und rechts waren Mülltonnen und Säcke. Zwischen den Häusern erkannte sie den wolkendichten Nachthimmel. Das Kribbeln wurde in ihrem Kopf immer stärker. Langsam versuchte sie zu stehen, eine Mülltonne half ihr als Stütze dabei.

"Wo bin ich ?" murmelte sie kaum hörbar. Schwer fällig stolperte sie die Gaße entlang, wobei sie sich an der Wand fest hielt. Schließlich kam sie auf eine breite Straße aus. Einzig die Straßenlaternen gaben Licht. Nicht ein einziger Mensch war zu sehen. Papiere und Abfall wirbelte auf den Straßen, vom Wind getrieben, umher. Daray merkte das ihr Mund staubtrocken war. Bevor sie überlegen konnte was paßiert war mußte sie etwas zu trinken finden, sonst, so glaubte sie, würde sie verdursten. Hektisch sah sie sich um. Hier müßte doch ein Brunnen sein oder ein Regenfaß, irgendetwas ! dachte sie verzweifelt. Langsam schleppte sie sich die Straße entlang. Mit jedem Schritt schien es heller zu werden. Obwohl ihr Kopf so schwer wie ein Felsen zu sein schien hob sie ihn in den Himmel. Die Wolken lichteten sich ... eine grelle Lichtscheibe blendete schmerzhaft Darays Augen.

Verwirrt hilt sie ihre Hände vors Gesicht. Es war noch immer Nacht, aber der Mond war so hell wie die Sonne. Ihre Augen mußten sich wohl erst an das Licht gewöhnen. Der Mond verschwand wieder unter einer dichten Wolkendecke. Nachdem sich ihre Augen normal anfühlten erinnerte sie sich wieder an ihren großen Durst. In der Nähe war ein Straßenschild. Obwohl es dunkel war konnte sie es ohne Probleme lesen. Doch der Name der Straße kam ihr nicht bekannt vor. Eben sowenig wie der Name der gegenüber liegenden Straße. Verzweifelt ging sie zur einer Straßenkarte, doch nichts was sie sah oder las kannte sie. Erschöpft und von Durst geplagt sagte sie zu Boden. Den Rücken am Mast der Straßenkarte gelehnt, sah sie in den Himmel. Dann schloß sie die Augen. Ihre Gedanken waren leer, als ob sie darauf warten müßte, daß ihr die rettende Erkenntnis entgegen kommen würde.

Mit halb geschloßenen Augen hörte sie auf einmal bewußt ein leises plätschern. Sofort stand sie. So schnell sie konnte folgte sie den Geräuschen, welches sie zur Waßerquelle führen sollte. Die Straßen wurden immer kleiner und schmaler. In einer engen Gaße schließlich dachte sie das Geräusch gefunden zu haben. Durstig und gierig suchte sie den Boden ab. Aber außer Müll und drei fetten Ratten, die um ein altes vergammeltes Stück Fleisch standen, war nichts zu sehen. Daray wollte nicht glauben das sie sich getäuscht hatte. Sie wußte das sie hier was gehört, sogar gerochen hatte. Zögernd wandte sie sich ab.

Verärgert und voller Endtäuschung schlug sie mit ihrem Fuß gegen eine Mülltonne. Laut scheppernd flog sie einige Meter von ihr weg. Die drei Ratten rannten erschrocken davon. Der Inhalt der Mülltonne verteilte sich in der Gaße. Nachdem alles wieder Still war, konnte Daray das Geräusch von Waßer auch nicht mehr hören. Ihr Durst war nun so stark das sie einen dicken Klos im Hals spüren konnte. Ihre Wut steigerte sich, doch sie versuchte sich in den griff zu bekommen. Sie brauchte einen Klaren Kopf.

Wie in Tronce trottete sie die Straßen entlang. Sie versuchte ihren Durst zu verdrängen, indem sie überlegte an was sie sich erinnern konnte. Langsam ging sie jeden Schritt zurück den sie gemacht hatte. Doch jedesmal wenn sie versuchte sich an die Zeit vor ihrem erwachen auf dem Boden zu erinnern, sah sie nur Leere vor sich, so als ob es nichts gab, was davor war. Sie schüttelte den Kopf und versuchte es immer wieder. Es brachte nichts. Alles war weg. Oder ... gab es überhaupt etwas davor ? Sie begann zu zweifeln. Gerade als sie sich sicher war, das es nichts davor gegeben haben könnte, hörte sie wieder etwas zu trinken.

Sie sah sich um. Es mußte ganz nah sein. Ihr Blick fiel auf die Mauer, am Ende der Gaße. Es mußte also hinter der Mauer sein. Und wieder verspürte sie eine unbändige Gier und ein Verlangen das sie alles andere vergeßen ließ. Ihre Beine bewegten sich immer schneller auf die Mauer zu. Mit einem Satz sprang sie auf eine Mülltonne und schließlich zog sie sich die Mauer hoch. Ein schwarzer Schatten huschte über den Boden und verschwand zwischen einigen Säcken. Daray hüpfte die Mauer herab. Voll Vorfreude sah sie sich um. Sie war sich sicher das hier etwas zu trinken war. Sie bückte sich und suchte auf allen Vieren den Boden ab. Dabei war ihr egal das sie mitten in eine alte halb zerfallene Banane grif oder das an ihrem Knie eine Verpackung klebte. Es gab nur noch eines, das finden von etwas trinkbarem.
Dann sah sie zwischen den Säcken zwei grüne Augen leuchten. Genau da mußte das trinken sein. Sie tastete mit ihrer Hand hinein. Scharfe Krallen kratzen sie tief in die Hand, als auch die Katze aus ihrem Versteck hervor schoß. Ohne ihre Verletzung zu beachten stürzte sich Daray zwischen den Säcken. Kurz danach tauchte sie wieder auf. Sie hatte wieder nichts gefunden.
Nun sah sie auf ihre Hand. Zwar waren die Kratzer tief aber es blutete nicht. Die drei Striemen waren blos gerötet. Sie stand wieder auf. Ihr Körper wurde schwächer. All die Kraft die sie gewonnen hatte verschwanden langsam wieder. Wenn sie nicht bald etwas trinken würde, währe das ihr Tod. Und als sie sich schon sicher war das ihre Suche vergebens bleiben würde blitze etwas im schwachem Licht auf. Es war eine Glasflasche in der ein kleiner Rest Waßer schimmerte. Erschöpft und überglücklich ließ sie sich fallen. Die Arme streckte sie aus und ergriff so die Flasche. Es konnte gar nicht schnell genug gehen um die Lebensrettende Flasche zu öffnen. Sie setzte den Flaschenhals an ihre Lippen und ließ das Waßer in ihren Mund fließen.

Es berührte kaum ihren Gaumen da schleuderte sie die Flasche vor Schreck davon. Das Waßer spritze über sie. Starke übelkeit ließ sie würgen und ihr Keuschen nahm ihr die Luft. Sie hatte das Gefühl Gift getrunken zu haben. Sie schnappte nach der Flasche und roch daran. Es müßte normales Waßer gewesen sein. Mit noch großerem Durst und schwächerem Körper lag sie wieder flach auf dem Boden. Ihr Gesicht schaute in den Himmel doch ihre Augen waren Geschloßen. Ihr war nun alles egal. Sie wollte nur das ihr Durst endlich aufhört, und wenn sie sterben müßte.

So lag sie einige Minuten da, als sie von etwas angestupst wurde. "Biste wach ?" fragte eine junge Frauenstimme. Daray öffnete die Augen. über ihr Stand eine blaß wirkende, aber wunder schöne Frau, im rotem Abendkleid. "Ich habe Durst" flüsterte Daray.
Die Frau im Abendkleid bückte sich zu ihr runter. Sie streichelte Daray am Nacken. Dann sah sie dem Mädchen in die Augen. Die Frau hatte schwarz umrandete leuchtende Augen, doch sie waren Eiskalt und leblos. "So wirst du nichts zu trinken finden, Mädchen. Hat sich niemand um dich gekümmert als du erwachtest ?"
Daray schüttelte kaum merklich den Kopf. Sie konnte kaum noch die Augen offen halten. Nicht mehr lange und sie würde die Augen für immer schließen. "Ich werde dir helfen, Kleine." sagte die Frau, doch was sie machte konnte Daray nicht mehr erkennen. Ihre Augen waren zu schwer.

Etwas warmes und lecker richendes kam auf sie zu. Wie ein Feuer erwachte wieder ihre Gier und die Freude auf das was kommen mag. Ihre Hände schnappten nach dem Handgelenk der Frau und zogen diesen fest zu ihrem geöffneten Mund. Hastig trank sie, das Blut strömte in ihren Hals und gab ihr neue Kraft. Genüßlich hielt sie die Augen geschloßen.
"Ich werde dir beibringen selber zu Jagen, Kleine. Ich paße auf dich auf." und mit diesen Worten riß die Frau ihre Hand von Daray los. Das Mädchen stand kraftvoll auf. Ihr Mund war Blutverschmiert. Sie fühlte sich stärker als das sie jemals gewesen sein könnte. Es war ihr nun egal was gewesen war, auch wenn sie es nun wußte.